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Meine Straße

Teil III

 

Von meiner Straße rechts ab und ein paar Minuten hügelaufwärts befand sich der respektable Bahnhof mit Nebengebäuden, einer Güterhalle und zwei Stellwerken. Gegen halb sechs standen wir immer wieder einmal davor, wenn die beiden frühen Abendzüge im Zehn-Minuten-Abstand mit den Arbeitenden und Angestellten eintrafen und die Menschen aus dem Bahnhofseingang quollen. Die Bahnreisenden wurden kontrolliert, wenn sie den Zug verließen und durch die Sperre gingen.

   Die Bahnsteigsperre hatte ihre Gründe in der Geschichte gehabt, da der frühe Dampflokbetrieb beim Aufenthalt auf dem Bahnsteig gefährlich werden konnte, denn bei der Einfahrt entwich kochendheißer Dampf aus den Schiebern der Lokomotiven und es flogen Funken aus den Schornsteinen. Aber es steckte noch etwas anderes dahinter. Die Kontrollen hatten schon bei der Abfahrt beim Betreten des Bahnsteigs begonnen. Dies war auch mit einer Bahnsteigkarte möglich, also folgte die nächste Überprüfung im Zug während der Fahrt. Soweit ist dies nachvollziehbar. Spätestens an der Kontrolle beim Verlassen des Bahnsteigs am Ausgang aber wurde klar: „Euch befördert die Obrigkeit!“, denn dafür ließ sich kein sachlicher Grund finden, zumindest bei Einzelfahrkarten. Sie wurden mit einer Zange gelocht, und erst mit dem letzten Loch war der amtliche Akt der Beförderung beendet. Wer das aber noch anschauen sollte, war unklar, und die Sperrenkontrolle am Ausgang sowieso sinnfrei bezüglich der Dauerfahrkarten. Und bei den Rückfahrkarten? Mussten die Bahnbediensten befähigt sein, das Rätsel der Lochungen im Vorbeigehen zu erkennen? Wenn man alles zusammenzählt, müssten pro Rückfahrkarte sechs Löcher zusammengekommen sein. Rechne ich heute. Ein Glück, dass wir uns diese Fragen als Kinder nicht zu stellen brauchten.

   Es kam Konkurrenz, denn um 1960 wurden die Autos erschwinglicher. Dieser Prozess verlief verhältnismäßig schnell. Wir saßen auch schon mal im Sommer gegen Abend auf der Bank am Ortseingang und staunten über die vielen Autos.

   Unser Dorf als Durchfahrtsort. Eine Sensation bedeutete es, wenn „die Amis“ durch die Hauptstraße fuhren, wenn nämlich amerikanische Truppenteile aus ihren Truppenstandorten verlegt wurden. Dann rumpelten Jeeps, Militär-LKW und sogar Panzer durch die Hauptstraße. Wir standen an der Straße und riefen „Schewwinggumm“, exakt von den Kaugummipackungen mit dem Aufdruck „Chewing Gum“ abgelesen. Hie und da warf tatsächlich einer der Soldaten das begehrte Gut zu uns herunter. Einmal hielt eine kleine Einheit zu einer Manöverrast im Westen vor dem Ort. Wir liefen hin, und ich habe den ersten Afroamerikaner von Nahem zu Gesicht bekommen.

   „Fallschirmspringer!“, informierte mich eines Nachmittags mein Freund. „Gehen wir hin?“ Es wurden bis dorthin sieben, acht Kilometer, und ich habe einem Soldaten den Fallschirm tragen geholfen. Er hat mir einen Vierteldollar und 10 Cent gegeben. Der Grundstock meiner Münzsammlung.

   Meine Straße war eine Spielstraße, auch wenn es diesen Begriff noch nicht gab, an schönen Tagen von Kindern bevölkert. Seit die Männer aus dem Krieg zurückgekehrt, neue Ehen geschlossen worden waren und alte Ehen auflebten, hatte sich die Kinderzahl vergrößert. Morgens saßen wir in der Schule oder standen in den Ferien spät auf, um die Mittagszeit ging der Ausscheller durch, die Bauern kamen von den Feldern und fuhren dann nach der Essenszeit wieder hinaus. Am Abend kehrten die Bauern heim, fuhren Autos von der Hauptstraße her, kamen die Pendler vom Zug. Aber dazwischen war die Straße unser – den Kindern. Aus zwei Fenstern lehnten ältere Damen heraus, die kräftigen Arme auf ein Kissen gestützt, schwätzten mit Passantinnen und schauten unserem Treiben gelassen zu, ohne sich weiter einzumischen. Von der Hauptstraße unten hielten wir uns fern. Auch da verliefen die Nachmittage ruhig, aber man konnte nie wissen, ob nicht ein durchfahrendes Auto in der engen Straßenschlucht zur Bedrohung werden konnte.

   In unserer gar nicht so langen Straße mit ihren Ein- und Zweifamilienhäusern wohnten zwei Dutzend Kinder im Schulalter. Mir steht einer der sonnigen Ferientage vor Augen, als sich alle draußen tummelten, Murmeln spielten oder Völkerball. Der Viertelkilometer zwischen Hauptstraße und Bahnböschung wurde zum Spielplatz.

   Das geschah nicht jeden Tag. Dorf und Gemarkung boten genügend Gelegenheit, sich zu beschäftigen. Für uns Jungen war der Fußballplatz Anziehungspunkt. Am vorderen Tor traf sich der Nachwuchs. Über den ganzen Platz zu spielen war mit der hier locker zusammentreffenden, überschaubaren Schar nicht möglich. Die hundert Meter dauernd hin- und herrennen wollte man an einem normalen Spielnachmittag außerdem auch nicht, sondern einfach nur kicken. Es wurde kräftig geschossen. In der Erinnerung ist mir gewärtig, dass sich eine besondere Gruppe aus dem benachbarten Viertel traf. Man ging kernig miteinander um. So manch scharf abgezogener Ball ließ auch mal ein Auge anschwellen. Aber Fußball wurde nach den Regeln gespielt. Es war die Zeit von Fritz Walter und der „elf Freunde“ und Fußball noch kein Berufsfeld für Millionäre.

   Eine besondere Anziehungskraft bot die Bahnlinie. Sie zog, zweigleisig von der Stadt her kommend, über die südliche Höhe oberhalb des Tals, vereinigte sich mit einer eingleisigen Verbindung aus der Südrichtung zu einem mehrgleisigen Plateau, passierte das dem Bahnhof vorgelagerte Stellwerksgebäude, lief an der Güterhalle vorbei in den Bahnhof mit seinen drei Bahnsteigen nebst Unterführungen ein, ließ das jenseitige Stellwerksgebäude hinter sich und teilte sich zweigleisig nach Westen sowie eingleisig nach Norden. Für einen Dorfbahnhof recht beeindruckend. Mir fiel dies erst auf, als ich später in den Nachbarorten die einfachen, durchlaufenden Trassen mit einem daran gestellten Bahnhofsgebäude kennenlernte.

   Eine eigene Welt. Um den Bahnhof herum roch es nach Kohle und Dampf und im Sommer nach den Teerausdünstungen der hölzernen Gleisschwellen. Man durfte nirgends hin. Wann immer wir uns blicken ließen, tauchte schon bald ein schimpfender Bahnbediensteter auf. Das erhöhte natürlich den Reiz.

   Hinter dem Bahnhof und den Güterzuggleisen stieg des Gelände steil an. Dorthin kamen wir nur auf Umwegen, keinesfalls direkt über die Bahnhofsanlagen und nicht nur wegen der Bahnbediensteten, denn immerhin gab es noch die Polizeistation in der Hauptstraße. Zwei Höhlen waren im Krieg gegenüber dem Bahnhof für Flugabwehrgeschütze in den Steilhang gegraben worden, weil der Bahnhof als Schaltstelle der Kriegslogistik aus der Luft beschossen wurde. Es fiel sogar mindestens eine Bombe und zerstörte das Gasthaus gegenüber dem Bahnhof. Es wurde nicht mehr aufgebaut, deshalb kenne ich es nur aus Berichten und einem alten Foto. Die Höhlen in der Böschung gegenüber dem Bahnhof standen leer, aber die Phantasie konnte sich allerlei ersinnen.

   Und der Höhepunkt! Als in den beginnenden 1960er Jahren nach und nach der Dampflokbetrieb eingestellt wurde, brauchte man Platz, um die Maschinen bis zur anstehenden Verschrottung abzustellen. Die Prachtstücke standen auf dem letzten der Güterzuggleise gegenüber dem Bahnhof. Man musste sich von hinten, den Abhang hinunter, anschleichen, dann konnte man wunderbare Nachmittage in den zum Teil sogar noch fahrbereiten Dampfloks zubringen. Bis der Ruf erscholl: „Achtung! Eisenbahner!“, und alles weglief.

   Die Bahnlinie bot auch sonst viel Raum für Aufregendes. Nach Westen spaltete sie sich. Der rechte Schenkel bog nach Norden ab, führte über einen eindrucksvollen Damm, überspannte mit einer hohen Bogenbrücke den Bachlauf und durchschnitt den anschließenden Hügelzug.

   Zu beiden Seiten des Dammes, unbehelligt vom nicht allzu häufigem Zugverkehr, lag ein Spielparadies. Hohe Bäume, Gestrüpp und der am Fuß des Dammes entlang fließende Bach ließen hinter jeder Hecke einen Indianer vermuten, vor dem es sich zu ducken oder den es zu beschleichen galt.

   Der Bach mit seinen Mühlen war einst die Lebensader Monsheims gewesen. Noch bis in die sechziger Jahre ließen Anrainerhöfe den Überfluss ihrer Ställe in ihn ab. Jeder Haushalt leitete über die Rinnsteine, die es an den Seiten der Straßen gab, seine Abwässer dazu. Im Bach zu schwimmen wagten zwar zuweilen einige Mutige beziehungsweise Bedenkenlose, aber man musste vermeiden, von der Brühe etwas in den Mund zu bekommen.

   Entlang des Bachlaufes waren Mühlbäche gegraben und an deren Beginn, vor der Mühle, Dämme gebaut, die das Wasser aufstauten, dadurch das Gefälle für die Mühlräder erhöhten und zur Regulierung dienten, denn wurde die Sperre auf der Dammkrone geschlossen, floss das Wasser in den Mühlbach, zum Mühlrad und danach wieder in den Bach zurück.

   Die Mühlbäche waren schon der Verschlammung preisgegeben, die Mühlen stillgelegt oder mit Motoren betrieben. Allzu großen Anreiz, dort herumzustöbern, gab es nicht. Im Sommer roch es faulig. Um das wenig bewegte, sumpfige Wasser krochen Schnecken und tummelten sich Insekten.

   Der Bach aber lockte, vor allem im Sommer. Es gab still, schmal und mit größerer Tiefe dahinfließende Teile und flache, breite Abschnitte, die das Wasser klar aussehen ließen und geheimnisvoll rauschten. Unter einer der Brücken, aus Beton erst nach dem Krieg an Stelle der alten erbaut, war an der Stützwand unterhalb, von oben nicht zu sehen, eine unanständige Zeichnung nebst Beschriftung mit Teerfarbe hingepinselt worden. Faszinierend war für uns aber eher, wie stark der harte Beton das Rauschen vervielfachte.

   Schneereiche Winter gab es selten, und der Schnee blieb meistens nicht lange liegen. Aber in einem der Winter boten die Hänge und die im Dorf aufsteigenden Straßen ein alpines Paradies, und der Bach fror so fest zu, dass man auf ihm hätte zu den Nachbardörfern gehen können.

   Im Dorf gab es noch etliche kleinere Bauernhöfe. In deren Felderbewirtschaftung fanden Giftmengen Verwendung, die einem nach heutigem Verständnis den Atem rauben würde. Aber die Zeiten waren noch andere und die Welt voll von Lokomotivenqualm, bleigeschwängertem Benzin, rauchendem Diesel, Kohlebrand und Tabakdunst ... und von müffelnden Aborten in so manchem Hof. Letztere wurden erst nach und nach in die Häuser verlegt und entwickelten sich weiter von der althergebrachten Entsorgung über einfache Jauchegruben hin zu Sickergruben, die nun jedoch das Grundwasser verschmutzten – dennoch ein Fortschritt, der aber schließlich die Kanalisation erfordern würde.Wer sich in romantischem Anhauch zuweilen die früheren Zeiten zurückwünscht, sollte dies im Blick behalten ...

   Zur Kinder- und Jugendzeit gehört essentiell der Bildungsgang. Im Kindergarten gab es noch die „Tante“. Als ich mit drei Jahren in die sogenannte „Kinderschule“ kam, war die vorherige, sehr beliebte Tante gerade ausgeschieden. Ich traf auf die neue, und die konnte ich nicht leiden. Auch in der Folge wurde kein herzliches Verhältnis daraus. Während der drei Jahre dort sah man, wie die Ersten gingen und Neue kamen, und schließlich kristallisierte sich heraus, mit wem man zusammen in die erste Klasse kommen würde. Wir waren fünfundzwanzig Gleichaltrige. Wenige Jahre zuvor war die Volksschule erbaut worden und ihre Einweihung ein Riesenfest gewesen, an das ich noch deutliche Erinnerungen habe, denn ein Festzug bewegte sich unter Beteiligung des ganzen Dorfes von der alten Schule in der Hauptstraße durch unsere von Fahnen gesäumte Straße zur neuen Schule am Ende der kurzen Kaiser-Wilhelm-Straße.

   Die Tage davor hatten einiges an Aufregung gebracht. Die Bürgersteige waren noch nicht befestigt, so dass es möglich wurde, vor jedem Haus in unserer Straße einen Fahnenmast einzugraben – eine groß angelegte Aktion der Gemeindeverwaltung. Welche Fahnen dann daran flatterten, entzog sich meinem Horizont, vermutlich wohl die aller politischen Ebenen vom Bund übers Land abwärts, dazu der Turnverein und was sonst noch eine Fahne hatte.

   Die Einweihung begann im Hof der alten Schule und wurde nach dem Zug durch unsere Straße mit der Eröffnung im neuen Schulhof abgeschlossen. Vom Fenster im ersten Stock herunter prägte einer der Redner die Formulierung: „Der Herr Landrat lässt sich entschuldigen, denn er liegt erkrankt im Bett und hat das Wohl der Gemeinde im Auge.“ Nicht bedenkend, dass ein Mikrophon angeschaltet war, murmelte er halblaut dazu: „Das ist Quatsch.“ Doch das kenne ich nur aus Erzählungen. Ich hatte genug damit zu tun, meinen Vater zu drängen mich hochzuheben, damit ich etwas sehen konnte.

   In der ersten Klasse waren wir ein halbes Dutzend Mitschüler, die nach Geburtsmonat und Reife bereits ein Jahr früher hätten eingeschult werden können – eine reine Verwaltungsentscheidung, denn die Zeit der starken Geburtsjahrgänge hatte begonnen, und man regulierte auf diese Weise die Klassengrößen. Da ginge heute so manches Elternteil auf die Barrikaden. Aber damals galt Schule noch als Autorität und die Schulverwaltung als Obrigkeit.

   Entsprechend sahen sich die Lehrer selbst. Man muss zugeben: Eine dritte und vierte Klasse mit je fünfundzwanzig, zusammen also fünfzig Kindern im Schulsaal zu unterrichten, verlangte dem Pädagogen einiges ab. Vieles wurde da handgreiflich geregelt.

   Mit in den Bildungsgang gehörte für das überwiegend evangelische Dorf neben dem ausführlichen Religionsunterricht in der Schule der in zweiwöchigem Rhythmus stattfindende Kindergottesdienst von der ersten Klasse an, den der Pfarrer, noch im Talar, nach dem Hauptgottesdienst hielt. Man war nicht kirchlich eingestellt. Es gab dennoch nur wenige Ortsansässige, die ausdrücklich etwas gegen die Kirche vorbrachten aus Gründen ihres politischen Standpunkts oder Querulantentums. Einer meiner Verwandten, der in der Nachbarschaft zur Kirche wohnte, wurde vom Pfarrer mit den Worten zu Grabe getragen: „Er lebte im Schatten der Kirche, aber selten in ihrem Licht.“ Doch die Institution Kirche wurde dessen ungeachtet nicht in Frage gestellt. Aus ihr auszutreten, galt als unpassend.

   Ich nähere mich dem Ende meiner Erinnerungen und damit der allgemein mit „1968“ umschriebenen Ära, die aber schon geraume Zeit vor diesem Jahr ihren Anfang nahm und den einen oder anderen Umbruch brachte. Für mich begann sie 1966, als ich aus dem Pfadfinderlager nach Hause kam und, ohne dass dies Absicht gewesen wäre, noch nicht zum Haareschnneiden gekommen war. Ich grüßte einen älteren Herrn, der, gestützt auf seinen Stock, auf der Straße stand, zu mir hersah und kommentierte: „Ist das jetzt die neumodische Frisur?“ Das sollte man heute, selbst älter geworden, einmal machen ... Was er meinte, war klar: „Bist du jetzt auch einer von diesen Langhaarigen?“ In diesem Moment war ich in der neuen Zeit angekommen, denn in meiner Klasse im Gymnasium saßen sie bereits, die Langhaarigen, und bald gehörte ich dazu. Als die Beatles, die Rolling Stones und all die anderen Gruppen nach 1960 die Musikbühne der Welt betraten, trug ich im Sommer noch kurze Hosen, am Ende des Jahrzehnts dann die obligaten Jeans. Unsere Generation wuchs in das hinein, was die halbe Generation vor uns – die „Studenten“ – bereits eingeläutet hatte: In eine neue Musik. In eine neue Sexualität. In neue politische Fragen.

Ende