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Wir Erdenkinder

 

Es bleibt ruhig hinterm Zaun. Für die Kinder in der Tagesstätte ist es zu kalt, um draußen zu spielen. Die Stille irritiert, bedrückt fast.

   Im frostigen Wind flattern alte Eindrücke herbei. Wann immer das Wetter es zulässt, ist sonst dort drüben das Leben zu hören. Manchmal verstehe ich Namen, wenn ich im Garten bin, vor allem, wenn ein neues Kind gekommen ist. Dann wird sein Name ausprobiert, immer wieder, bis auch ich ihn gelernt habe.

   Ich friere und gehe ins Haus. Die Gedanken an die Kinderzeit begleiten mich. Erinnerungen tauchen auf an lang zurückliegende Sommer, als die Großen hoch über unseren Köpfen die Welt waren. Jenseits von Zäunen und Mauern gab es noch etwas, das wussten wir, aber es verschwamm in unserer Vorstellung und war bevölkert mit Märchengestalten.

   Ich schließe die Tür zum Garten, freue mich an der Zimmerwärme und spinne meine Gedanken weiter. Jetzt bin ich selbst ein Großer und schaue auf die Kinderwelt. Bin in der Welt angekommen, jener Welt, in der die Großen zu Hause sind. Aus dieser unserer Welt blicke ich ein Stück weiter nach oben, nach etwas wiederum Größeren. Ob uns Gott manchmal in ähnlicher Weise sieht – uns und die Mauern, über die wir nicht schauen können? Wie mag er uns wahrnehmen, wenn er unsere Erwachsenenspiele betrachtet? Wie Kinder? „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“, zu lesen im Römerbrief, achtes Kapitel, vierzehnter Vers, Worte, die mir von irgendwoher durch den Sinn gehen. Der Vergleich von uns Erwachsenen mit Kindern begegnet in der Bibel öfter, hier mit der Überlegung, ob wir uns von Gott antreiben, bewegen, anspornen lassen oder eben nicht.

   Wie Gott auf mich blickt, stelle ich mir so vor, dass ich mich unter seinen Augen wie ein Kind im Spiel in meiner für mich überschaubaren Umgebung bewege. Ich nehme wahr, dass mich jemand im Blick hat und mehr sieht als ich. Inmitten meiner Welt erkenne ich, dass hier nicht alles ist, was es gibt, mag um uns herum auch kein Märchenland liegen, sondern der als unermesslich wahrgenommene Grund des Kosmos.

   … und der ebenso tiefe Abgrund der Zeit, vor uns und nach uns. Wir sind die Kinder unserer Vorfahren. Mein Blick fällt auf die Zeitung. Halb gelesen ist sie auf dem Tisch liegen geblieben. Ein Artikel befasst sich damit, dass unserem Planeten Schlimmes widerfahre. Es stimmt, dieses Wort vom Planeten, aber dass er der unsere wäre, tut so, als gäbe es irgendwo draußen im Weltraum noch eine zweite Erde, von der aus wir die unsere wie einen fernen Planeten betrachten könnten. Selbst wenn einst Mond und Mars besiedelt würden, bedeutete dies eine nur unwesentliche Erweiterung des menschlichen Lebensraums. Inszenieren wir ein Kinderspiel, in welchem eine Märchenwelt in den Garten der Phantasie geholt wird? Die Erde als Planet, den man beliebig verlassen und betreten kann?

   Erwachsen geworden zu sein heißt anzuerkennen, dass unser Leben hier und jetzt, zwischen den Generationen vor uns und nach uns, von Gott geschaffen wurde und dass diese Zeit in unsere Verantwortung gegeben ist. Die Erde ist kein Spielzeug, das durch ein neues ersetzt werden könnte, wenn wir es zerstören.

   Dieses Stück Erde da draußen vor der Tür, dort im Garten, besitze ich nicht. Es wird noch da sein, wenn das Haus nicht mehr steht und ich schon längst wieder ein Teil der Erde geworden bin. Die Erde ist nicht unser Eigentum.

   Ob es die Kinder später besser machen werden als wir?