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»Perasélaos« (altgriechisch: über den [Licht-] Strahl hinaus) will unterhalten. Aber die Überlegung, dass zur nicht übersteigbaren Konstanz der Lichtgeschwindigkeit noch nicht das letzte Wort gesprochen sein könnte, birgt eine Kritik an der Neigung, einen Forschungsstand in Stein zu meißeln. Dies gilt generell auch für die seit über einem Jahrhundert geltenden Befunde von Michelson / Morley, Lorentz und Einstein. Gelten ihre in Betracht gezogenen Rahmenbedingungen unhinterfragbar? Was geschähe bei deren Änderung?

 

Leseprobe aus dem ersten Kapitel

   [...] Manowski konnte seine Skepsis nicht verbergen. »Zu den Sternen? Das ist vermessen! Niemand wird je die gigantischen Weiten zwischen den Sonnensystemen überwinden. Nichts ist schneller als das Licht, und sogar das Licht braucht Jahre, Jahrhunderte und noch viel mehr, bis es zu anderen Gestirnen gelangt.«

   »Betrachten wir es einmal aus einem anderen Blickwinkel. Schauen Sie: Im kosmischen Maßstab kriecht das Licht wie eine Schnecke«, antworte Heger.

   »Dennoch. Schneller als diese ›Schnecke‹ kommt nun mal nichts voran. Das ist eine Tatsache.«

   »Ich gestehe Ihnen zu, dass wir es bei der Lichtgeschwindigkeit mit einer Konstante zu tun haben. Aber als Physiker fragen wir doch immer auch nach dem Geltungshorizont.«

     Die Septembersonne zeichnete auf Boden und Wände scharfe Konturen und streifte die Buchrücken ehrwürdiger Folianten – eine Szene wie in alten Studierstuben, wären nicht Quantenrechner mit automatisierten Vorgängen beschäftigt gewesen, hätten nicht Hologramme dreidimensionale Strukturen in den Raum gestellt und ein monumentaler 2D-Schirm in fluktuierenden Wechseln Daten gemeldet.

   In einem demgegenüber nostalgisch anmutenden Winkel mit altmodischen Sesseln hatte sich ein erregter Disput entsponnen.

   »Schneller als das Licht – Unsinn!«, wiederholte Manowski seinen Standpunkt.

   »Es gibt aber eine Möglichkeit! Ich habe darüber nachgedacht. Prinzipielle Schwierigkeiten sehe ich nicht; sprechen wir demnächst in Ruhe darüber. Es liegt nur an der technischen Umsetzung. Schon vor hundert Jahren sind Masseteilchen auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt worden. Warum nicht auch etwas anderes?«

   »Kleinste Teilchen! Atome und Atombestandteile. Keine wirklichen Massen!«

   In dieser Weise verlief nicht die erste Auseinandersetzung über physikalische Grundfragen zwischen Cecil Manowski und seinem Freund und Kollegen Henri Heger.

   »Ich meine jedenfalls, dass die Lichtbarriere überwunden werden kann«, fuhr Heger fort.

   »Wir reden von riesigen Entfernungen. Gewaltigen Entfernungen! Nicht vom subatomaren Bereich!« Manowski griff sich an seinen dunklen Bart und schüttelte den Kopf. »Nein, Henri, wir sollten nicht über Dinge reden, die kein Körnchen Realität für sich beanspruchen können!«

   »Genau darin liegt das Problem! Phantastereien hier, Besserwisserei dort: Wir lassen uns durch die Glaubenssätze der öffentlichen Meinung gängeln, sei es durch Zeitschriften oder von den Kathedern herab. Wie alt ist die Relativitätstheorie denn inzwischen geworden? Zweihundert Jahre! Als habe sich seitdem nichts getan! Heute denken wir in Dimensionen, wie sie damals gerade erst am Horizont sichtbar wurden.«

   Manowski erhob sich und ging einige Schritte im Labor hin und her. »In diesem Punkt gebe ich Ihnen recht. Ich frage mich auch, ob die Ansätze vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gültig geblieben sind. Im Grunde genommen baute die Relativitätstheorie ihre Thesen auf einem einzigen experimentellen Befund auf, nämlich der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit.«

   »Was damals alles veränderte! Warum kann sollte etwas Vergleichbares nicht wiederum geschehen?«

   »Greifen wir damit nicht Jahrhunderte voraus?«

   »Erwischt!«, lachte Heger.

   Manowski blieb stehen und blickte verwirrt zu seinem Kollegen. »Was meinen Sie damit?«

   »In einigen Jahrhunderten könnte es Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit geben? Oder habe ich mich gerade verhört?«, erkundigte sich Heger listig.

   »Zukünftige Superluminarflüge vielleicht … Man könnte mich so interpretieren«, gestand Manowski und zog seine dunklen Brauen zusammen. »Aber noch einmal …«

   Es klopfte.

   Zwei Mitarbeiter brachten ein Gerät herein und stellten es auf einen der Labortische. Ihnen folgte die Assistentin Hegers und Manowskis, Marion van Dijk. Das Gespräch verebbte.

   Die Angestellten verabschiedeten sich. Marion van Dijk erklärte, warum sie zu den Professoren gekommen war. »Die Versuchsanordnung ist da.«

   Manowski blickte skeptisch auf einen minimalistischen Aufbau. »Versuchsanordnung? Davon ist mir nichts bekannt.«

   Er betrachtete die Apparatur. »Das Bisschen soll zum Experimentieren taugen? Recht überschaubar!«

   »Das ist die Zentraleinheit des Experiments«, entgegnete die Assistentin. »Die Quantenrechner setzen die Daten in Simulationen um.«

   Sie bediente sich des ›Essential‹, einer knapp gehaltenen Sprechweise, die zu Beginn des 22. Jahrhunderts entstanden war und vor allem in der jüngeren Generation gepflegt wurde.

   Auf dem Tisch stand ein Kasten mit Kontakten für digitale Verkabelungen, ein Würfel aus Metall mit Kantenlängen von etwa einem Meter. Auf seiner Oberseite, mit ihm fest verbunden, ein kleiner Kubus.

   Manowski lachte. »Eine Zentraleinheit … Worum handelt es sich bei diesem Stücklein Technik denn genauer? Und warum erfahre ich davon erst jetzt? Mein Geburtstag ist ja noch eine Weile hin, falls dies hätte eine Überraschung werden sollen.«

   Henri Heger ging zum Tisch und präsentierte knapp: »Wir nennen ihn den ›Superator‹.«

   »Aha, lateinisch. ›Überwinder‹.« Manowski betrachtete kritisch den Apparat. »Und was ist das?«

   »Soll ich erläutern?«, bot Marion van Dijk an.

   »Ich bitte darum«, antwortete Manowski. »Immerhin werde ich bei der Entscheidung mitwirken müssen, was mit dem Kästchen geschehen soll, nicht nur also Sie, mein lieber Henri, denn die Mittel für die Forschung werden wieder einmal von mehreren Stellen zusammengebracht werden müssen. Lassen Sie hören, Kollegin van Dijk.«

   »Der Superator verändert die Impuls-Statistik von EM-Quanten. Soviel zum Prinzip«, begann Marion ihre Ausführungen.

   Nachdem Manowski ihr einige Minuten gefolgt war, unterbrach er. »Das soll für den Augenblick genügen. Etwas anderes, Henri: Das Gerät dient wohl Ihren mir vorhin eröffneten Gedankengängen? Wir haben kaum zufällig über die Lichtgeschwindigkeit geplaudert!«

   Heger antwortete: »Damit befasse ich mich tatsächlich zur Zeit. Aber Kollegin van Dijk und ich hatten keinen dramatischen Auftritt geplant, wenn Sie das meinen.«

   Manowski nickte, schien jedoch bereits mit anderen Gedanken beschäftigt.

   »EM-Quanten«, begann er schließlich. »Unscharfe Impulse. Statistische Resultate kontingenter Ereignisse. Interessant!« Er schaute zu Heger. »Mit dem Kasten lässt sich allerhand anfangen, das muss ich zugeben – auch abseits Ihrer Absichten, mein bester Henri. Aber Scherz beiseite. Ein bisschen Abenteuerlust habe ich mir bewahrt. Wenn Sie es tatsächlich schaffen, die Relativitätstheorie zu korrigieren, zu ergänzen, zu vervollkommnen oder gar zu übersteigen, dann haben Sie mich auf Ihrer Seite. Ich denke, meine Skepsis kann Ihnen dabei nur hilfreich sein.«

   »Sie wollen dem Projekt ›Superator‹ nähertreten?«

   Manowski gab sich entwaffnet. »Wir haben schon so manches Merkwürdige in Angriff genommen!« [...]