Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

 

Lukas 19, 41 – 48

Jesus und der Tempel

Der Evangelist Lukas erzählt, wie Jesus über Jerusalem weint, und berichtet im Anschluss daran von der Tempelreinigung. Werfen wir einen Blick in die Zeit um das Jahr 30!

 - - - - - - -

Jesus war gern im Tempel. Das muss zunächst einmal festgestellt werden. Der Text aus dem Evangelium wird oft als Drohung gehört – so, wie die Propheten des alten Israel einst gedroht hatten: „Wenn ihr nicht das und das tut, dann wird das und das geschehen. Seid gewarnt!“

   Jesus war jedoch kein Prophet in diesem Sinne. Er drohte nicht mit der Zukunft. Aus der Rückschau wissen wir zwar, dass eine Generation nach Jesus, im Jahr 70, der Tempel in Jerusalem tatsächlich zerstört wurde. Man könnte also sagen: „Jesus hat das vorausgesehen. Er war ein Prophet.“

   Aber weder er noch die Propheten des alten Israel waren Wahrsager. Die Propheten wollten etwas Anderes: Sie malten die Folgen des gegenwärtigen Tuns für die Zukunft aus. Das ist zu verstehen wie wenn heute unsere Wissenschaftler sagen: Wenn die Erwärmung der Atmosphäre weiter zunimmt, wird der Meeresspiegel steigen.

   Auch Jesus sah bestimmte Dinge auf sein Volk und sein Land zukommen. Weil das so war, weinte er über eine mögliche, baldige, herannahende Zerstörung des Tempels.

   Noch einmal: Jesus war gern im Tempel. Schon als Zwölfjährigen musste man ihn von dort wegholen. Wenn die Geschichte sich auch vielleicht nicht in allen Einzelheiten zugetragen haben mag, wie es Lukas im zweiten Kapitel seines Evangeliums erzählt, steht doch fest, dass die Gelehrsamkeit im Tempel und in den an ihn angeschlossenen Schulen ein Anziehungspunkt für Jesus gewesen waren.

   Die Evangelisten weichen, was die Tempelbesuche von Jesus während seines öffentlichen Wirkens betrifft, in ihren Schilderungen voneinander ab. Wir können aber davon ausgehen, dass Jesus bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr einige Male dort gewesen ist.

   Denn im Tempel wurde nicht nur geopfert. Im Tempelbezirk befanden sich offene Stuben und Wandelgänge, wo sich die Schriftgelehrten trafen und über die biblischen Schriften diskutierte intellektueller Anziehungspunkt für einen interessierten jungen Mann.

   Man darf sagen, dass im Tempel das geistige Zentrum des jüdischen Landes lag – gerechnet bis hinauf in den Norden, nach Galiläa, wo Jesus herkam. Damit zu vergleichen wäre in heutigem Maßstab der Vatikan in Rom.

   Dies lässt ermessen, warum Jesus sich dazu hinreißen ließ, die Händler, die im Tempel ihre Geschäfte betrieben, tätlich anzugreifen. Dass er sie hinauswerfen konnte, wie man vielleicht annehmen möchte, ist aber kaum anzunehmen. Es war eher eine Demonstration, die Jesus veranstaltete. Vergleichbares taten schon die Propheten des alten Israel, mit zum Teil merkwürdigen Aktionen.

   Für uns wichtig ist, die Beweggründe von Jesus zu verstehen. Die intellektuelle Schicht des jüdischen Volkes – Pharisäer, Sadduzäer, Schriftgelehrte – gab sich arrogant. Der Tempel war reich, die Einkünfte flossen. Die Römer waren im Jahrhundert zuvor zunächst nicht als Eroberer, sondern als die Verbündeten eines der poltischen Kontrahenten gekommen – etwas, das man längst bereut hatte, denn inzwischen waren die Römer eine rigide handelnde Besatzungsmacht geworden.

   Aber man war selbstbewusst. „Uns passiert schon nichts“ – in diese Kurzfassung ließe sich die Seelenlage der jüdischen Führungsschicht bringen.

   Doch draußen im Land gärte es. An vielen Orten bildeten sich Widerstandsgruppen. Terroristische Aktionen waren an der Tagesordnung, zum Beispiel mit den „Sikariern“, den Dolchmännern, zu denen vermutlich auch einige aus der Gefolgschaft um Jesus gehörten. Jesus hätte gar an die Spitze eines solchen Widerstandes gesetzt werden sollen, lehnte dies aber ab, weil er anderes im Sinn hatte. Er wollte nicht König der Juden werden. Sein Reich war nicht von dieser Welt. Man musste noch nicht einmal ein Prophet sein, um zu erkennen, wo das alles hinführen würde. Über verschiedene einzelne, jeweils niedergeschlagene Aufstände entwickelte sich in den folgenden vier Jahrzehnten eine Kriegssituation, die die Römer letztlich mit einem massiven Truppeneinmarsch beantworteten.

   Und der Krieg der Römer und Juden war dann immer noch nicht der letzte. Weitere fünfzig Jahre später kam es erneut zu einem Aufbegehren, das Rom mit der endgültigen Vernichtung der jüdischen Kultur niederwarf. Die Reste der letzten jüdischen Festung Massada mit der deutlich erkennbaren Belagerungsrampe der Römer existiert noch und gehört zum Besichtigungsprogramm eines Israelbesuches. Für Jahrhunderte durfte kein Jude mehr in diesem Gebiet wohnen. Die Römer benannten die gesamte Region um. Sie hieß nun nicht mehr Judäa, sondern Palästina – nach den Nachfahren der Philister oder, wie sie hebräisch ausgesprochen wurden, den „Pelischtím“, den Palästinensern, die dort ebenfalls wohnten. Nahezu zwei Jahrtausende lang gab es kein poltisch selbstständiges jüdisches Leben mehr in Palästina, bis am 14. Mai 1948 der neue Staat Israel gegründet wurde.

   … Sah Jesus noch eine Möglichkeit der Umkehr? Ich vermute nicht. Es ging eine Ära zu Ende. Die jüdischen Schriftgelehrten hatten in den Jahrhunderten zuvor etwas fertiggebracht, was seinesgleichen suchte in der ganzen damals bekannten Welt: Sie hatten eine Verbindung Gottes mit den Menschen errichtet  über das Gesetz, das Gott den Menschen gegeben hatte. Dieses Gesetz zu befolgen hieß, den Willen Gottes in die Welt zu tragen. Es bedeutete, auf Gottes Seite zu stehen.

   Aber Jesus erkannte auch den Schwachpunkt. Es galt nicht für alle Menschen. Man musste dem jüdischen Volk angehören. Was wurde aus den Anderen? Gerade Jesus empfand dies wohl deutlich, denn die Menschen aus Galiläa, zu denen er gehörte, galten in der Gegend um Jerusalem als Juden geringeren Ansehens. Sie waren erst ein gutes Jahrhundert zuvor dem Tempelkult beigetreten und lebten an der Grenze und in Berührung mit den Samaritern, Feinde der Juden des Kernlandes.

   Ein Galiläer wie Jesus hatte einen unabhängigeren Blick auf die Zwänge des Gesetzes. Wir wissen aus den Evangelien, wie oft er sich deshalb mit dem jüdischen Establishment stritt. „Darf man am Sabbat heilen? war eine der Streitfragen.

   In den Psalmen und auch bei den späten Schriftpropheten der Hebräischen Bibel hatte sich eine Vision gebildet: Die Völker sollten zum Zion kommen, zum Tempelberg. Alle Welt sollte den einzigen und allein mächtigen Gott verehren. Israel hatte damit begonnen, und der Erdkreis sollte es erleben.

   Diese Vision hat Jesus beschäftigt. Aber wie konnte sie Wirklichkeit werden? Seine Antwort war, dass er sich von den geistigen Führern der Juden abwandte. Er ging zu jenen Menschen, mit denen ein gesetzesfester Schriftgelehrter nicht in Berührung kommen durfte und wollte, denn wer krank war, galt als unrein, wer bestimmte Dinge aß, galt als unrein, wer den Sabbat nicht achtete, galt als unrein. Und so weiter.

   Diese Auffassung des Glaubens hatte im Jahrhundert um Jesus eine Zuspitzung erfahren. Es driftete etwas auseinander – einerseits das sich immer strenger gebende Judentum, andererseits das Bedürfnis vieler jüdischer Menschen, sich zur römisch beherrschten Welt hin zu öffnen.

   Nicht zufällig gibt es kein Buch und keinen Brief des Neuen Testaments auf Hebräisch. Das verwundert, denn die Ereignisse um Jesus geschahen im jüdischen Land  dort, wo man aramäisch sprach und die hebräischen Schriften las, was bedeutet, dass gleich zu Anfang sich das Christentum auf Griechisch formulierte, in der Weltsprache der damaligen Zeit, und sich von seinen Wurzeln löste.

   Die Zeit Davids, die Zeit der Babylonier, die Zeit der Perser und des Eroberers Alexander, dieses ganze Jahrtausend war im Begriff unterzugehen. Rom war gekommen. Die alte Welt geriet aus den Fugen.  

   Gibt es solche Zeiten immer wieder?

   Wir befinden uns in einer Zeit der Umbrüche: Das Erdklima erwärmt sich immer deutlicher. Die bislang die Demokratien schützenden USA ändern ihre globale Politik. Sowohl das dirigistische Russland wie das diktatorische China greifen nach unserer demokratischen Welt. Europa verliert sich unter dem Feuer populistischer Salven in einzelstaatlichen Nationalismen.

   Es gibt Gründe, das Ende des europäischen Jahrtausends seit der Christianisierung und der Heranbildung der heutigen Staaten heraufkommen zu sehen. Was selbst in zwei furchtbaren Kriegen nicht geschah, könnte durch Akteure vollzogen werden, auf deren Absichten aus der Mitte unseres Landes und Kontinents und unserer Kultur kein Einfluss mehr möglich ist.