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Lukas 24, 44 – 53

Himmelfahrt - wohin?

Lukas ist ja der einzige der vier Evangelisten, der einen zweiten Band zu seinem Evangelium geschrieben hat, die Apostelgeschichte. Sie beginnt mit demselben Ereignis, mit dem der erste Band endet, in der Formulierung der Luther-Übersetzung als Jesu Himmelfahrt, in der Apostelgeschichte dagegen als Christi Himmelfahrt.

   Nicht mehr also mit der Himmelfahrt von Jesus aus Nazareth, sondern der von Jesus Christus. Ein Unterschied. Jesus Christus ist der Auferstandene – zu und nach Ostern. Davor, vor der Kreuzigung, sprechen wir von Jesus aus Nazareth. Dazwischen liegt jene Frist, über die im Glaubensbekenntnis steht: Hinabgestiegen in das Reich des Todes. Diese Zeitspanne liegt für uns im Dunkeln.

   Warum dieser Unterschied? Ist das etwas für die Theologen – fein gesponnen und für den Rest der Welt uninteressant?

   Vielleicht empfinden das Manche so. Und deshalb ist für viele auch das Fest der Himmelfahrt fremd geworden. Die Himmelfahrt sei demnach so etwas wie eine jener biblischen Erzählungen, die einem eher sagenhaft vorkämen. Man wisse doch, dass der Himmel nicht da oben sei. Und seitdem es Raketen gebe, beeindrucke eine Himmelfahrt schon gar nicht mehr. Nett seien diese Erzählungen ja durchaus und erinnerten zuzdem ein wenig an unsere Kindheit, als wir alles noch so glaubten, was uns erzählt wurde.

   Aber die Jünger damals machten eine Erfahrung, die ganz neu war: Ihnen begegnete Jesus nach jener dunklen Frist des Todes als der von den Toten Auferstandene. 

   Jesus als der Christus – war das eine Geistererscheinung? Die Jünger meinten, sie sähen einen Geist, steht es ein paar Verse vor dem Himmelfahrtsbericht (Lk 24, 37). An Geister glaubte man ja damals allgemein. Die Geister der Toten seien um die Lebenden, zwischen Himmel und Erde existiere ein Dämonenreich und so weiter.

   Von diesem Standpunkt aus wäre die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus Christus dann eigentlich gar nichts Besonderes gewesen. Denn sogar Totenerweckungen erlebte man. Nicht nur durch Jesus.

   Ein erweckter Toter mehr: Jesus nach Ostern – erstaunlich, verwunderlich, beglückend auch, vielleicht gar sensationell und auf jeden Fall berichtenswert. Doch eine Religion würde man deswegen nicht gleich gründen.

   Jesus lebte. Vorschlag: Wir nehmen das jetzt einfach mal an und klammern allgemeine wie besondere Zweifel aus.

   Jesus lebte. Er sprach mit seinen Jüngern und Jüngerinnen. So wie es geschildert wird, erlebte man dies nicht als Erscheinung eines Gespenstes: Auf eine gewisse Weise setztJesus seine Lehrtätigkeit fort, nur die Art und Weise hatte sich geändert. Er zieht nicht mehr durch die Lande. Ab und zu lässt er sich sehen, zitiert aus der Bibel und bestärkt die Jünger im Glauben, dass er lebt.

   Dann ist er wieder weg. Kommt wieder. Ist wieder weg.

   … und so weiter? ...

    Alles in allem – so müssen wir es sehen – wäre dies für damalige Zeiten nicht so unglaubhaft gewesen wie in den unseren. Aber die ganz große Sache war es dann auch wieder nicht. Geister hier, Gespenster da, Dämonen dort. So war die Welt eben.

   … Die Tage gingen dahin. Alles lief mehr oder weniger normal. Alles schien zu sein wie vorher – in den drei Jahren, als Jesus durch die Lande zog. Jesus da, Jesus dort. Niemand verspürte das Bedürfnis, irgendetwas Weitergehendes auf die Beine zu stellen. Es gab keinen Anlass.

   Und dann geschieht auf einmal etwas. Jesus segnet seine Jünger noch einmal, und dann geht er. Er schied von ihnen, heißt es im Evangelium.

   Die Jünger sind verblüfft. Jesus fehlt nichts, er ist augenscheinlich gesund, kann essen und trinken, wie die Evangelien berichten, und nach vierzig Tagen vernarben nach und nach seine Wunden. Man könnte das frühere Leben wieder aufnehmen. Vielleicht nicht mehr in unmittelbarer Nähe zu Jerusalem, sondern in Galiläa oder auch weiter weg  in Persien oder Indien, jenseits der römischen Grenzen.

   Romanschreiber haben da viel Phantasie entwickelt, wie es weitergegangen sein könnte. Aber kehren wir zur Realität des Jahres 33 zurück!

   Jesus geht. Wohin geht er? Man könnte ja vielleicht mitgehen wollen. Die Liebe der Jünger ließe sie Jesus überallhin folgen.

   Aber dann … Jesus fährt gen Himmel.

   … Was bedeutet überhaupt gen

   Das Wort gen gibt es in unserer Sprache nicht mehr. Wir reisen nach Berlin zum Beispiel, nicht gen Berlin. Jesus fuhr also nach dem Himmel, zum Himmel hin, in Richtung Himmel.

   Auch die aktuelle Luther-Übersetzung hat dieses außer Gebrauch geratene Wort gen beibehalten. Die katholische Übersetzung verwendet dagegen die modernere Variante: Er wurde zum Himmel emporgehoben.Ich finde jedoch, dass unser altes gen den Charme des Ungefähren behalten hat. Denn wir wissen nicht so ganz, was dieses gen bedeutet. Das Gleiche gilt ja auch für den Himmel.

   Wo ist er also denn nun, der Himmel? Dass da oben nicht die Engelchen auf Wolken Harfe spielen, wussten schon die jüdischen Schriftsteller, die die Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel entwarfen: Sonne und Mond waren Lampen an einem Gewölbe. Darüber war Wasser. Manchmal hatte das Gewölbe Löcher. Dann regnete es.

   Das war genauso nüchtern wie unsere moderne Sicht ins Weltall hinein. In diesen Himmel wurde Jesus nicht emporgehoben. Hätte er sich etwa da oben neben Sonne und Mond ans Firmament heften sollen? Auch schon damals eine absurde Vorstellung.

   Nein, der Himmel, in den Jesus Christus ging, war natürlich der Himmel Gottes. Ein Ort, der ganz woanders war. Nicht hier, nicht auf der Erde, sondern … – ja wo? Antwort: Wenn nicht auf der Erde, dann also im Himmel, eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Jesus Christus geht in den Himmel Gottes, weil er nämlich von der Erde fort geht.

   Es geschieht etwas Entscheidendes. Jetzt erst. Jetzt erst ist jemand gegangen. Definitiv.

   … Aber warum? Nächste Antwort: Nur wer gegangen ist, kann wiederkommen.

   Nun erst – jetzt –, als Jesus gegangen ist, beginnen die Jünger, die zuvor vielleicht Jesuaner gewesen sind, zu Christen zu werden. Jetzt erst beginnen sie davon zu erzählen, dass am Ende der Zeiten Christus wieder aus dem Himmel Gottes kommen wird.

   Jetzt also beginnt das Christentum? Ja und nein. Denn woher sollen die Jünger das Wissen nehmen, dass der Fortgegangene wiederkommt, und – wenn überhaupt: Was geschieht in der Zwischenzeit? Wer garantiert das? Soll man nicht lieber nach diesem dreijährigen Abenteuer mit Jesus aus Nazareth wieder zur Tagesordnung zurückkehren und abschließen mit: Schön war’s, schlimm geendet hat’s, das ist’s gewesen? 

   Kommt doch zehn Tage später wie ein Strich durch diese Rechnung der Geist aus der Höhe! Und der Geist sagt den Jüngern, dass Jesus Christus seine Gemeinde gründen will. Der Geist kommt von da her, wo Jesus Christus hingegangen ist. Vom Himmel.

   Wenn bis jetzt noch niemandem klar war, wo zehn Tage zuvor Jesus Christus hinging, als er fortging, dann spätestens jetzt. Jesus Christus war in die Höhe gegangen. In die Höhe Gottes, da oben hin, oben, wo der Thron Gottes ist. Denn ein Thron ist immer oben. Nicht nur im Himmel, sondern noch über dem Himmel. Noch höher. Beim Schöpfer. Beim Vater der Schöpfung, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Von da herunter kommt der Geist an Pfingsten.

   Der Geist gleicht einen Nachteil aus. Einen Nachteil, der den Jüngern vorher nicht aufgefallen ist. War nämlich der Auferstandene immer nur da und dort zu sehen gewesen und dann auch immer wieder fort, so war jetzt der Geist Gottes, der Geist des Lebendigen, des Auferstandenen, immer da.Immer präsent.

   Es wurde klar, warum das Weggehen des Auferstandenen aus der Welt der Menschen so wichtig gewesen ist: Jesus Christus ist von den Jüngern weggegangen, also von jenen elf ihm verbliebenen Jüngern und ihrem Umfeld, um nun zu allen Menschen zu kommen, zu allen, die zu Gott gehören, zu Gott sprechen und ihn hören wollen.

    Jetzt werden die Jünger zu Aposteln. Apostel – zu Deutsch: Botschafter. Botschafter des Glaubens. Botschafter der Frohen Botschaft. Jetzt wird es für die Menschen wichtig, von Jesus Christus etwas erzählt zu bekommen. Vorher mussten die Jünger nur die alten Geschichten und alten Erlebnisse berichten. Jesus Christus war ja irgendwie immer noch anzutreffen gewesen, und die Berichte von ihm dienten mehr oder weniger nur der Verlebendigung.

   Mit der Generation der Jünger wären diese Berichte dann nach und nach verschwunden. Wen hätten eins, zwei Jahrhunderte später noch jene erstaunlichen Dinge über einen wunderheilenden Zimmermann interessieren sollen?

   Nun aber hatte sich die Szene komplett geändert. Jesus war gegangen, war in die Höhe Gottes gegangen, und mit dem Geist aus der Höhe wollte Gott zu den Menschen kommen, weil mit Jesus jener Mensch in die Welt gekommen war, mit welchem Gottes Geist gleichsam die ersten Schritte tat in dieser Welt. Auf dieser Spur wollte Gott nun weitergehen. Nicht allein im Bibelwort der alten Überlieferung, nicht allein aus der Hoffnung der alten Propheten sollte sich der Trost der Menschen speisen, sondern der Geist aus der Höhe wollte nahe an die Menschen herantreten und ihnen sagen: Der ist es! Genau jener. Jesus aus Nazareth, der der Christus wurde. Ihr braucht auf keinen Anderen mehr zu warten.

   Was im einzelnen geschehen war in jenen Tagen, von denen Lukas berichtet, in den Tagen, in denen der Auferstandene bei den Jüngern weilte, wissen wir nicht. Aber wir können nachvollziehen, dass Jesus Christus emporgehoben wurde, um wieder herunter zu kommen, dass er von den Wenigen weg emporgehoben wurde, um zu allen wieder herunter zu kommen.

   Am Anfang habe ich von der dunklen Frist jener Stunden gesprochen, jener Tage zwischen Karfreitag und Ostermorgen. Eine ähnliche Frist erwartete die Jünger nach dem Weggang Jesus Christi in den Himmel Gottes des Vaters. Zehn Tage würden es der Überlieferung nach werden, vom vierzigsten bis zum fünfzigsten Tag nach Ostern.

   Die Zeit würde nicht so dunkel aussehen wie die nach dem Karfreitag, denn dass Jesus auferstanden war, hatten die Jünger schon erfahren. Sie blieben zusammen im Gebet und bestärken einander, bis am Pfingsttag der Heilige Geist aus der Höhe Gottes die Herzen entzündete.

   Und ab da alle Tage und in aller Welt.

   Bis an der Welt Ende.