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Dass der Doktor Martinus Luther viele Jahrhunderte nach seinem seligen Ableben vom Himmel kommend Station macht, um im Gottesdienst seinem Predigtamt nachzukommen, entspringt einer launigen Erfindung, welche, wenngleich im Anklang an die ehrwürdige Sprache der Lutherbibel des sechzehnten Jahrhunderts formuliert, mit Humor zu nehmen ist. Was Luther aber zu sagen hätte, möge davon unabhängig vernommen werden. Die Orthographie bietet im Vortrag oder halblauten Lesen keine Schwierigkeit.

 

Liedpredigt über »Ein feste Burg ist unser Gott«

 

Gnade sey mit euch und friede von Gott, unserm vater, und dem herrn Jhesus Christus! Amen.

   Sintemal es euch lieben christenleut gefallen, an mich eure ob der maßen ehrende absicht gelangen zu lassen, mir das predigtambt hie bey euch auffzutragen, hab ich es mir mit fleiß angelegen sein lassen, zu euch zu kommen und darüber hinaus mein utlin mitzubringen, all die weil ich nemlich meine, dasz aus einem lustigen mund kein traurig lied dringen soll, und es am besten were, dazu tapfer in die lauten zu greifen und die stimm erschallen zu lassen.

   Was aber were besser zu singen als geradezu das lied, das uns evangelischen christenleut vorausgeht wie das hnlin den auffrechten streytern? Was were schöner zu singen als ein lied, wie Gott ist uns eine burg und ein hort und eine zuflucht?

   So lasset uns denn also frohgemut eine erste stroph singen, auff dasz die kirch widderhalle! Ihr habet das lied in eurem büchlin, und es findet sich gezehlet nummerodrey hundert und zween und sechtzig.

Die Gemeinde singt.

   Ist’s nicht ein kreftig liedlin? Ein rechter hymnus ist es worden und gewaltiger psalm. Der alt böse feind, das war die alte kirch. Wir haben unser zeit gar sehr gestritten, wie ein recht religion aussehen soll. Da habe ich ofter maßen heiß vom leder zogen und dem Bapst in Rom, aber auch dem Erzbischof zu Maynz mit allem anstand die Wahrheit gesagt. Das hat dem Bapst nit gefallen, und er wollt mich aus der kirch thun. Aber es hat ihm nit helfen können. Seinen bann hab ich verrissen und im feuer brennen lassen. Ist nit mehr wert gewesen als das papier, auff das er gesetzet war. Das hat den Bapst noch mehr ergern wollen.

   Insonderheit habe ich funff und neuntzig lateinische setz auffschrieben, wie das denn sey mit der sund, dem ablass und der kirch. Hab sie an die kirchtür zu Wittenberg genagelt für eine gelehrte Disputation. Vielerley auffgeregtheit gab es dann hernach im teutschen land.

   Das ist heut nu nit mehr so, auch wenn ich auff meiner reis hieher zu euch vernommen habe, dasz es sich in der kirch immer noch nit so fende, wie es eigentlich wieder sein kunnt nach einem halben thausend an jahren. Damals haben wir noch gefochten und geschimpft, und die kirch ist auseinander fallen. Nicht nur mit worten ist der kampf gewesen, sondern auch mit waffen, und das nicht wenig und mit mancherley vergossen bluts.

   Das ist dann allzu arg worden, und ich meine frey heraus, dasz es an der hohen zeit ist, sich zu vertragen. Denn im letzten end ist es doch unser herr Jhesus Christus, der einer einig kirch vorsteher ist und unser fursprech vor Gott. Wir thun dazu gar nichts. So ist es auch in unserm lied zu hören. Lasset uns also singen mit der zweiten stroph!

Die Gemeinde singt.

   Ja, meine lieben christenleut! Da hab ich bey dem liedlin jetzt aber auffgemerkt, dasz ihr heut in eurem büchlin ganz anders singet und sprechet als vormalig! Da haben wohl etliche Dichter umb ein mehreres nachgeholfen, dasz man das lied heut noch singen möcht. Und die melodey ist auch ein wenig anders worden.

   Aber das machet nit etwas. Die sprach wird mit den jahren ja immer anders und wechselt noch dazu im teutschen land, bemerklich besonders wenn man allhie durch die marken zieht. Mich freut gar sehr, wie eure tönlin fein lieblich in meinen ohren klingen. Nicht so recht fremd, wie es mir im teutschen norden oder im suden entgegenschallt.

   Das habe ich stets verspüret, wenn ich in eur land kam, und das war ja der mehreren male, bis nach Wormbs hin. Aber von dort hab ich eilig weggemusst und kam unversehener maßen auff eine der festen burgen meines geliebeten landesvaters, dem Friedrich, des ehrenden namens „der Weise“. Dort hab ich das heiligmeßige Testamentum unseres herrn Jhesus Christus ubersetzt und dabey gleich noch hin die teutsche sprach zurecht gemacht.

   Aber die sprach ist so nit blieben, und in den hunderten an jahren hat sie sich gar sehr viel wandelt. Ich hab den leuten auff der Wartburg noch auff ihr maul geschaut, hab gehört, was sie sprochen haben. Aber heut darf man das wort „Maul“ nicht mehr so einfach sagen, außer wenn’s bey einer kuh ist. Man schaut nicht mehr auffs maul, man machet eine analysis.

   Fremdlendische worte konnten auch wir gelahrten in unsern zeiten gar munter aus dem mund fleußen lassen! Der Zwingli, der Melanchthon, der Calvin und all die andern. Besser manchmal konnten wir’s als die sprach mit den leuten. Wir gelahrten haben uns so viel auff Lateinisch und am end gar noch auff Griechisch unterhalten, dasz wir gar nit mehr wusst haben, wie in der welt gesprochen wird.

   Aber dann wollt ich es besser leiden, dasz die leut die Biblia selber lesen kunnten. Und weil das nicht geht mit Latein oder gar Griechisch oder am end noch Hebraico, hab ich sie auff Teutsch gemacht. Da kunnten dann jetzt alle mennlin und wiblin selber ins Evangelium schaun und sehn, was sich darinnen findet. Deshalb haben wir uns dann „Evangelische“ nannt, denn wir kunnten das Evangelium selber lesen.

   Aber das war von anfang an nit so gar einfach. Ich war ein doktor und gar armer mönch und sollt vor kaiser und reych sagen, was ich für richtig halten habe. Dort in Wormbs, überm Rhin, war’s, ganz nah bey euch. Da war allerley böses umb mich herumb am werk, und ich hatte gar manche angst. Aber dann hab ich mich mit der frau musica getröstet, so wie es in der nechsten stroph zu finden ist, die wir jetzt also zusammen gehörig singen wollen.

Die Gemeinde singt.

   Es war dann aber schon mehr nötig worden als ein wörtlin, wies in der stroph heißet. Die evangelischen fürsten haben sich gar sehr gegen den kaiser wehren gemusst, und wie ihr alle wisset, sind viele, viele jahre ins land gegangen, bis die christenleut wieder friedlich miteinander leben kunnten. Ein dreyßig jahr wehrender krieg hat nach meiner erdenzeit unser liebes teutsches land beinah leer von menschen gemacht. Und hett ich das alles gewusst, ich weiß nit, ob ich es mir hett einfallen lassen, diese große bürde zu tragen. Gab es doch schon zu meiner zeit viel kriegshendel, und viele thausend bauren sind unter den streichen der scharf richtenden ritter gefallen oder an die bäume gehengt worden. Das hat mich manch schwere stund bereitet.

   Denn es ist mir immer nur umb das wort gegangen. Das wort Gottes soll nit verändert werden. Nur das wollt ich sagen. Die christenleut sollen die Heilige Schrift mit freiem verstand lesen und sich nit mehr etwas vorsagen lassen von den winkeltheologisten und abergelehrten. Deshalb wollen wir nu die nechste stroph miteinander singen, wo es allhier umb das wort Gottes geht, wie wir es in der Biblia, der Heiligen Schrift, finden.

Die Gemeinde singt.

   Die erneurung der kirch ist wahrlich kein spazieren gewest. Da war viel die politik bei. Die teutschen fürsten wollten nicht nur ein neu religion, sie wollten vor allem dem kaiser sagen, was er thun soll und wollten selbststendig sein. Da bin ich, der arme mönch Martinus Luther, ganz gehörig zwischen die mahlsteine der hochmögenden geraten! Ein junker hab ich zum schein werden müssen, und hab mich verstecken müssen auff der Wartburg meines geliebeten kurfürsten Friedrich.

   Das war arg, ist dann aber doch noch zum guten worden. Berichtet hab ich euch ja schon, dasz ich allda begonnen habe, unsere liebe Heilige Schrift zu dolmetschen, damit die teutschen christenleut sie verstehen kunnten – erst im neuen Testamente und hernach dann, als ich wieder im ambte war, im alten.

   Denn am liebsten ist mir all zeit doch das predigtambt gewesen, noch lieber als das ubersetzen. Denn da hab ich die leut lehren und nehren wollen von der speis des lieben wortes Gottes. Und so bin ich hier nun vor euch und denke, dasz ich euch auch heut noch mancherley zu vermelden habe.

   Und was ich zu allererst sagen will, ist: Denkt dran, was mir immer am wichtigsten gewesen ist: Denkt nemlich hauptermaßen daran, dasz es unser herr Jhesus Christus ist und niemand sonst, der all unsere dinge vor Gottes thron traget und die leibhafte gnade Gottes auff erden worden ist.

   Hernach hat er viel leiden müssen und ist zuletzt von Gott dem vater zu sich holt worden mit seiner aufferstehung und himmelfahrt. Und dann ist der Heilig Geist wieder herab kummen und hat die kirch gemacht. Des freuen wir uns alle sehr.

   Alles andere, ihr lieben christenleut, fleußt daraus. Ein frischer glaube, ein munter liedlin und die liebe Gottes halten unser leben zusammen.

   Und so wünsch ich euch also und zum beschluss, dasz das Evangelium und die lehr Christi euch zum segen gereiche.

   Und vor allem denkt daran, euch mit den Katholischen zu vertragen! Nach funff hundert jahren wird es dazu zeit.

   Des sage ich euch frohgemut: Amen.

   Und der liebe friede Gottes, der sondermaßen höher ist als alle vernunffteley und kluges thyffteln, wie wir armen sundigen menschen dieß immerzu aushecken, er bewahre euer aller herzen und sinne in Christus Jhesus. Amen.