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Epheser 4, 22 – 32

Ein Germane in Rom

Ein Besucher von den germanischen Stämmen an der Nordgrenze des Reiches kommt nach Rom. Er ist mit einer Gruppe von Händlern in den Süden gereist. Zu Hause lebt er in einer halb römischen Familie: Seine Frau stammt aus Rom und hat ihm Besorgungsaufträge mit auf den Weg gegeben. Unter anderem soll er eine bestimmte Amphore besorgen, eine geschmückte Vase zum Aufbewahren von Kosmetiköl. Er hat zu Hause sein Latein aufgefrischt, beherrscht einige Brocken Griechisch, hat einen keltischen Großvater und denkt, dass er in der Welt ganz gut zurechtkommt – also wohl auch in Rom, wo sich die Völker treffen.

   Als er sich in der Stadt umhört, findet er schon bald heraus, wie er ins Viertel der Töpfer gelangt, denn auf dem großen Markt, dem Forum Romanum, ist Geschirr teuer – wegen all der betuchten Leute aus Ägypten, Persien oder Danubien, die zu Geschäften und nebenbei auch zu mehr oder weniger verborgenen Vergnügungen hierher kommen.

   Er macht sich auf den Weg und betritt nach einiger Zeit eine ruhige Seitenstraße. Hier scheint jeder jeden zu kennen. Er geht entschlossen weiter. Nach und nach gewinnt er den Eindruck, als würde es um ihn stiller – als wichen ihm die Menschen aus. Er führt das auf seine hohe germanische Gestalt zurück. Die Köpfe der römischen Bürger überragt er um Haupteslänge.

   Schließlich gelingt es ihm, mit einem der Töpfer ein Gespräch zu beginnen. Wonach er denn suche, wird er gefragt.

   Halbwegs flüssig gibt er auf Latein zur Antwort, er brauche für seine Frau, die Römerin sei und halt an den römischen Sachen hänge, eine besondere Amphore. Sie seien demnächst zehn Jahre verheiratet, und da müsse es etwas Besonderes sein.

   Man habe ihn für einen der vielen Ausländer gehalten, entgegnet der Töpfer. Aber er wohne seiner Sprache nach vermutlich auf der römischen Seite der Grenze, und seine Kinder seien wohl gar römische Bürger.

   Das sei richtig, bestätigt der Germane. Es habe seinerzeit ein wenig Mühe gekostet, das römische Bürgerrecht für seine Kinder zu erwirken, aber gegen die resolute Großmutter seiner Frau hätten sogar die Beamten im Capitol nichts ausrichten können.

   Im Fortgang des Gesprächs haben sich einige Zuhörer eingefunden. Jetzt, wo man weiß, dass der Fremde nichts im Schilde führt, ist man neugierig geworden. Man wüsste von einem ähnlichen Fall. Ein gewisser Paulus habe ebenfalls über seinen Vater das römische Bürgerrecht erworben – obwohl er eigentlich Jude sei.

   Wer das denn sei – dieser Paulus, fragt der Besucher.

   Man weicht der Antwort aus, geht zum Handel über und wird bald einig. Die Amphore ist nicht allzu groß, weil sie ja den Transport über die Alpen und den Rhein abwärts überdauern soll, aber dafür ist sie ein richtiges kleines Kunstwerk. Wenn auch nicht billig. Die Gattin wird sich freuen.

   Nachdem auf diese Weise das Geschäftliche erledigt ist, wird der Fremde zum Essen gebeten. »Ist das im Preis inbegriffen?«, fragt der Germane verwundert.

   Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Man übe Gastfreundschaft im Hause des Töpfers. Das sei römischer Brauch. Und der Neue Weg gebiete dies außerdem noch zusätzlich.

   Mehr erfährt der Besucher nicht. Doch nach und nach, beim Essen, als er vom Leben in der Nähe der römischen Garnison am Limes erzählt, gewinnt er das Vertrauen der Gastgeber, und irgendwann fällt dann ein weiteres Mal der Name »Paulus«.

   Der Germane fragt noch einmal nach. Wer sei denn nun dieser Paulus?

   Die Stimmen werden leiser. Man solle am besten nicht viel darüber erzählen. Der Kaiser habe begonnen, Jagd auf die Mitglieder des Neuen Weges zu machen. Neuerdings würde man sie als »Christen« beschimpfen. Das käme aus dem Griechischen: hoi Christianoí, die Gesalbten. »Da läuft einer von den Gesalbten«, würde ihren Kindern manchmal auf der Straße nachgerufen.

   Dem germanischen Besucher fällt bei diesen Worten ein, dass er hie und da etwas in der Art aufgeschnappt hat, wenn seine Frau manchmal abends zu ihren Freundinnen verschwindet. Was sie da genau treibt, weiß er nicht. Aber der Name »Chrestus« [Suetonius, Divus Claudius 25] oder so ähnlich ist da zuweilen gefallen. Und dazu noch ein zweiter Name: »Josua« oder »Jeschúa«.

   Deshalb ist ihm das eine oder andere Stichwort geläufig, und die Gastgeber beginnen allmählich offenherziger zu erzählen. Sie seien zwar bedroht vom Kaiser, aber im Töpferviertel hätten sich dennoch einige der Familien unbehelligt zu kleinen Gemeinschaften zusammenschließen können. Früher habe es scharfe Konkurrenz unter den Töpfern gegeben. Das habe sich dadurch gemildert. Über strittige Dinge spreche man jetzt offen miteinander.

   Trotz der Verfolgungen um einen herum versuche man die Hoffnung auf Besserung nicht fallen zu lassen. Briefe kursierten unter den Gemeinden. Paulus, der große Lehrer, habe sie darin bestärkt, in den Bedrängnissen standfest zu bleiben.

   Ja, noch mehr. Er habe sie sogar aufgefordert, alle Bitterkeit und Grimm und Zorn abzulegen [4, 31], gleichgültig, was geschehe.

   Aber das fiele nicht leicht! Opfer habe es gegeben. Im Zirkus ist man dankbar für verurteilte Todeskandidaten. Die grausamen Spiele hielten den Mob bei Laune, damit kein Umsturz entstehe und der Kaiser in Ruhe seine Lieder dichten könne.

   In der Familie der Gastgeber hat man kein Verständnis dafür, dass sich Menschen damit unterhalten können, wenn andere getötet werden, seien dies auch Verbrecher. Und dann gleich gar, wenn es sich um unschuldige Opfer handelt, die eben nur nicht dem Kaiser als einem Gott huldigen können, weil sie an den einen allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde glauben.

   Der germanische Besucher muss nachfragen: »Um welchen Gott handelt es sich denn dabei? Es gibt viele: Zeus, Jupiter, Wotan, Mithras und noch andere.« In der römischen Garnison bei ihm Hause fallen jede Menge Namen. Da hat jeder Soldat so seinen Favoriten – am meisten ist zur Zeit Mithras in Mode, dessen Verehrung irgendwo von Persien her ins Römische Reich gedrungen ist.

   Die Töpferfamilie kann mit der Frage nicht viel anfangen. Na ja, es gehe eben um Gott. Einen anderen Namen habe er nicht. Nicht »Gott Sowieso«, sondern einfach Gott. Das ist sein Name. Gott ist Gott, so wie Nero Nero ist.

   Zu Gott beten sie und nennen dabei noch einen anderen Namen, nämlich den des Gesalbten Jeschúa. Sie wandeln das ein wenig ab, erfährt der Gast, machen daraus »Jesus« und nehmen für den Gesalbten kein lateinisches, sondern immer das griechische Wort: Christus Jesus oder auch – anders herum – Jesus Christus. Die Könige im alten jüdischen Reich seien bei ihrer Krönung gesalbt worden. Daher komme das. Jesus ist für sie der König der Welt.

   … Ein Gott der Töpfer? Ein König der Handwerker und Sklaven? Der germanische Besucher verbirgt seine Reaktion hinter einem höflichen Lächeln und schweigt.

   Seine Gesprächspartner bemerken das anscheinend, weil sie jetzt nämlich erklären: Paulus habe geschrieben: Gebt nicht Raum dem Teufel [4, 27]. Damit meine er vor allem die falschen Götter und die Dämonen. Seine Briefe seien jetzt überall verbreitet. Viele, die lesen und schreiben könnten, fertigten Abschriften an, und die Briefe würden während der geheimen Gottesdienste vorgelesen. Einige seien verhaftet worden, weil sie einen dieser Briefe bei sich trugen. Dabei stehe darin gar nichts, was sich gegen den Kaiser richte.

   Inzwischen, so höre man, sei auch Paulus gefangen genommen worden und werde zu Schiff nach Rom gebracht. Aber alles, was Paulus der Gemeinde ans Herz lege, sei vom Geist der Demut getragen: Vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus [4, 32] stehe zum Beispiel im Brief nach Ephesus. Den hätten nicht allein die Epheser erhalten. In dieser Demut sei Jesus am Kreuz gestorben.

   Noch so etwas, denkt der Besucher – … ein Gekreuzigter als König? Er fragt: Kann ein Gestorbener – ob am Kreuz gestorben oder wie auch immer – König sein?

   Sie geben die Antwort, Gott habe Jesus Christus vom Tod auferstehen lassen, und er werde der Herr und König über die Geschichte der Menschen sein. Er komme bald wieder zurück und werde dann Gericht halten.

   … Der Besucher kehrt nachdenklich aus dem Töpferviertel zurück. Ihn beschäftigen die Worte, die er gehört hat.

   Von einem gekreuzigten König versteht er nicht viel, und er hält sich auch als Germane in der römischen Grenzregion von der Obrigkeit möglichst fern. Schon gar von Gedanken an mögliche Könige. Das würde am Ende noch den Verdacht erzeugen, dass er mit den Stammeskönigen jenseits des Limes sympathisiere. Er ist froh, wenn ihn die Soldaten ungestört Handel treiben lassen. In Friedenszeiten geht da viel im kleinen Grenzverkehr, und man verdient recht gut. Seine Frau ist schließlich einigermaßen anspruchsvoll – so als Römerin. Da soll man sich nicht unnötig komplizierte Gedanken machen über Götter und Könige und auferstandene Tote. Sowas macht nur die Mächtigen misstrauisch. Der Kaiser in Rom ist der maßgebende Gott. Er hat das Sagen, und die anderen Götter oder Göttinnen, und was sich sonst noch so zwischen Himmel und Erde bewegen mag, kommen erst an zweiter Stelle. Wer jener Gott ist, dem seine Frau alle paar Tage Blumen in den Heiligen Winkel im Haus stellt, will er gar nicht wissen. Religion ist Frauensache. Ihn beschäftigt mehr, dass der Bernsteinhandel mit den Kelten in letzter Zeit nachgelassen hat.

   Aber es hat ihn auch etwas beeindruckt; das muss er zugeben. Die Töpfer im Viertel sagen, sie dienten ihrem Gott gern, einfach so, ohne staatlich verordneten Zwang, und sie kümmerten sich um die Nöte anderer, redeten kein Geschwätz, duldeten keinen Diebstahl und lebten von ihrer Hände Arbeit [4, 28 f.].

   Das und auch die anderen Dinge schienen ihm doch eigentlich recht vernünftig. Wenn er nach Hause kommt, wird er seiner Frau von dieser Begegnung erzählen. Mal hören, was sie dazu sagt. Aber bis dahin hat er noch einige Tagesreisen vor sich.

   Vielleicht hat dieser Paulus ja Glück. Es wird nicht gleich jeder hingerichtet, der gefangen genommen wird. Es wäre doch eigentlich schade um einen Mann, der so richtige Ansichten in seine Briefe schreibt, und auf den derart viele Menschen hören.

   Er versucht, sich an etwas zu erinnern – … Was hat die Töpferfamilie für ein seltsames Wort gebraucht, als sie vor und nach dem Essen gebetet haben? Latein ist es nicht gewesen. Auch Griechisch hätte er zumindest erkannt. Vielleicht etwas aus der Sprache dieses Jesus? Es hat sich so ähnlich angehört wie das germanische Wort »Abend«. Vielleicht weiß es seine Frau.