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Johannes 20, 19 – 29 (Thomas)

Die Untersuchung

Es ist der fünfte Tag in der Woche. Jemand klopft kräftig an die Tür. Vorsichtig wird geöffnet, denn der Abend ist schon fortgeschritten. Im Schein zweier Fackeln, von Soldaten getragen, steht draußen ein offensichtlich bedeutsamer Römer.

   Er lässt sich gar nicht erst hereinbitten. Das hat er nicht nötig. Er dringt mit starkem Soldatentritt in den Raum und fragt, wer hier Latein oder wenigstens Griechisch könne.

   Unter den Anwesenden verstehen eigentlich alle ein paar Wörter Griechisch. Damit verständigt man sich landauf, landab – mal besser, mal schlechter, lieber jedenfalls als mit dem Latein der verhassten Besatzer.

   Mit Griechisch ginge es, hört der Römer.

   Widerwillig geht er darauf ein. Versetzt mit vielen Lateinbrocken sagt er, dass er im Auftrag des Quaestors von Caesarea komme, des Untersuchungsrichters für unaufgeklärte Todesfälle. Insbesondere habe er sicherzustellen, dass angeordnete Hinrichtungen zum beabsichtigten Erfolg geführt hätten. Bei einer Kreuzigung in der letzten Zeit habe es diesbezüglich nicht geklärte Begleitumstände gegeben.

   Den Versammelten wird es ungemütlich. Was konnte der wollen? Dieser – … was war der wohl? Ein Inspector?

   Sie sollten das Gemurmel einstellen, fordert der Römer. – »Bitte« sagt so einer nicht.

   Tatsache sei, fährt er fort, dass der Verdacht bestünde, ein gewisser Josua aus Genezareth habe seine Kreuzigung überlebt.

   »Kennen wir nicht.«

   Die Antwort wirkt auf den Beamten ehrlich … obwohl: Sehr viele Kreuzigungen hat es in der letzten Zeit nicht gegeben.

   Ein Soldat flüstert dem Inspector etwas zu. Der wendet sich wieder zu den Versammelten. Er suche Jeschúa. Jeschúa aus Bethlehem.

   Der sei ihnen ebenfalls nicht bekannt, antwortet jemand.

   Einer der beiden Soldaten haut laut an sein Schwert. Wahrscheinlich haben sie nicht weit entfernt ihre Verstärkung stehen – selbstbewusst, wie sie auftreten.

   Er wolle sich nicht um Buchstaben streiten, ermahnt der Inspector. Also: Wie hieße der, der vor etwa zehn Tagen auf dem Golgatha-Hügel in der Mitte zwischen den beiden Anderen gehangen hätte? Dass drei auf einmal gekreuzigt würden, käme ja nun nicht dauernd vor.

   Jesus aus Nazareth?, fragt jemand zaghaft.

   Na, also. Der Inspector fährt fort, der Betreffende sei als Aufrührer verurteilt worden und möglicherweise habe er die Kreuzigung überlebt. Das käme vor, und er müsse auf jeden Fall inhaftiert werden, damit er keine Unruhe stifte. Über seinen weiterenVerbleib würde der Procurator Pilatus entscheiden.

   Aus dem Haus fragt jemand, was denn dieser weitere Verbleib genau bedeute?

   Er sei es, der hier die Fragen stelle, antwortet der Soldat barsch.

   »Die Galeere wird’s werden!«, flüstert einer, der weiter hinten steht. »Wenn er Glück hat!«

   Der Inspector wird unwillig. »He, du da! Komm’ nach vorne! Was hast du gesagt?«

   Ein schüchterner Mann tritt vor. Nichts habe er gesagt. Er wisse ja auch nichts. Dass Verbrecher halt auf die Galeere kämen – und um einen solchen handele es sich ja wohl?

   Die Römer haben im allgemeinen keine große Geduld, wenn sie jemanden verhören wollen.

   »Du kommst mit auf die Quaestur nach Caesarea. Nach ein paar Tagen Haft wirst du gesprächiger werden.«

   Er sage ja schon alles, und das mit der Quaestur sei bestimmt nicht nötig. Jesus aus Nazareth sei ihnen bekannt, das stimme, der sei aber tot. Und begraben. Noch am selben Abend. Mehr wisse er nicht.

   Die Anderen nicken zustimmend. So sei es. Keiner wisse darüber hinaus etwas.

   Der Inspector kommt zur Sache. – Vor einer Woche sei der Hingerichtete gesehen worden. Nach zuverlässigen Berichten sei das genau in diesem Haus hier gewesen. Hier müsse sich ein Geheimgang oder eine Falltür oder etwas Ähnliches befinden. Er habe draußen einen Trupp Legionäre stehen, die in der Lage seien, diese Hütte hier binnen einer halben Stunde in ihre Einzelteile zu zerlegen.

   Da tritt einer nach vorne. Ob er sprechen dürfe.

   Der Inspector erlaubt es. Der Mann gibt seinen Namen mit »Thomas« an. Ihm sei das Wiederauftauchen des Hingerichteten ebenfalls zugetragen worden, berichtet er. Er halte davon aber nichts.

   Wie er darauf komme.

   »Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in die Seite lege, kann ich’s nicht glauben«, erklärt Thomas.

   Um Glauben gehe es hier nicht, herrscht ihn der Inspector an. Habe er den Hingerichteten gesehen oder nicht?

   »Nein.«

   Was sei das dann aber für ein Gerücht?

   Thomas ist nicht auf den Mund gefallen. An dem Gerücht könne gar nichts dran sein. Das müsse frei erfunden sein. Wenn das tatsächlich stimme, denn wisse doch jeder, dass sofort genau das passiere, was jetzt passiert sei: Die Regierung werde alarmiert. Wer also das Gerücht, dass Jesus aus Nazareth noch lebe, verbreite, wolle bewusst jenen Personenkreisen Schaden zufügen, die seine Predigten gehört hätten.

   Der Inspector ist allenfalls halb überzeugt und lässt alle vor das Haus treten, untersucht die leere Hütte, findet nichts Verdächtiges.

   Danach tritt er wieder vor die Tür zu den verängstigten Menschen.

   Zu den Wachen sagt er: »Dass dieser Jesus die Kreuzigung überlebt haben soll, halte ich für unmöglich. Den hatten sie ja vorher schon fast totgeschlagen. Der konnte kaum noch zur Hinrichtung gehen. Und dann hat einer der Männer ihm noch den Speer hineingestoßen.«

   Einer der beiden Wachen lacht. »Der müsste dann schon wieder von den Toten auferstehen!«

   Die Menschen vor dem Haus schauen einander an. Es ist still.

   Das glaube, wer will, sagt der Inspector. Er jedenfalls nicht. Aus dem Hades sei noch keiner zurück gekommen. Noch nicht einmal der glorreiche Augustus. Und der hätte es bestimmt verdient.

   Die Römer ziehen grußlos ab.

   Im Haus zurück, setzen sich erst einmal alle hin. »Das war knapp!«

   Thomas bleibt gelassen. Was hätte denn schon passieren sollen?, wirft er ein. Der Leichnam von Jesus sei nicht mehr da, und was da sonst noch gewesen sein mochte, sei in keiner Weise nachprüfbar.

   Die Anderen sind aber nicht einverstanden.

   »Du weißt genau, dass Jesus hier war. Bei geschlossenen Türen!«

   »Na sooo geschlossen können die Türen nicht gewesen sein, sonst wüsste nicht die halbe Stadt davon«, spottet Thomas.

   »Dass du das nicht glaubst, hast du schon ein paar Mal gesagt. Aber wir haben den Herrn gesehen. Also lebt er. Aber er lebt nicht so, dass er wieder leibhaftig durch die Straßen geht und von den Römern verhaftet werden könnte.«

   Thomas fragt: »Warum sagt ihr das dann nicht frei heraus?«

   Nun, Jesus könne zwar nichts geschehen, aber ihnen schon. Die Römer würden das nicht glauben, und dann wären sie dran. Nach Caesarea kämen sie. Zur Quaestur. In den Kerker. Auf die Galeere. Vielleicht sogar ans Kreuz!

   »Aber irgendwer hat da wohl geplaudert, sonst wären die Römer nicht gekommen«, mutmaßt Thomas.

   Wem das Herz voll sei, dessen Mund gehe über. Sie hätten sich ja alle so gefreut! Da erzähle man das auch nur einem einzigen Vertrauten weiter, und dieser wieder einem anderen, und dann gehe es halt durch die ganze Stadt.

   Und das alle wegen einer reinen Einbildung und Phantasterei, schließt Thomas die Diskussion ab.

   – – – Fünfter Tag der folgenden Woche. Es klopft wieder jemand an die Tür.

   Ängstlich wird geöffnet. Im Schein zweier Fackeln, von Soldaten getragen, steht draußen wieder dieser Römer.

   Er habe hier eine Liste. Ein gewisser Petrus, außerdem ein jüngerer Mann namens Jo  hannes sowie eine Frau aus der Stadt Magdala mit Namen Maria seien beschuldigt worden, Gerüchte zu verbreiten, welche die Autorität des Staates untergrüben. Nach einer Einvernahme vor Ort und bei bestätigten Verdachtsmomenten seien sie unverzüglich abzuführen. Man erhoffe sich insbesondere Aufschlüsse über den Verbleib jenes Jeschúa Bar Joséf, genannt Jesus, aus Nazareth stammend, mit verwandtschaftlichen Bezügen nach Bethlehem.

   Aufregung entsteht. Man habe doch vor einer Woche alles aufklären können. Selbstverständlich sei man zu allen Auskünften hier und direkt bereit, und der gnädige Herr möge doch im Haus Platz nehmen.

   Das hat der Beauftragte des Quaestors ohnehin vor. Er nimmt sich einen Sitz und beginnt unmittelbar mit der gerichtlichen Untersuchung. Vor dem Haus steht ein Zehnertrupp Soldaten, von einem Decurio befehligt und mit kräftiger Bewaffnung versehen.

   Er lässt sich alle der Reihe nach vorstellen, fragt nach, ist offensichtlich gut vorinformiert. »Wo sind die drei Beschuldigten? Ich will Fakten!«

   Petrus und Johannes seien nach Galiläa gegangen, weil es der Schwiegermutter von Petrus wieder einmal schlecht ginge. Johannes begleite ihn, damit ein jüngerer Mann als Schutz mitgehe. Maria Magadalena sei wieder in ihre Heimatstadt Magdala zurückgekehrt. Das sei nachprüfbar.

   Dessen ist sich der Inspector sicher. »Unser Informationssystem arbeitet zuverlässig.«

   Da bliebe jetzt aber noch die Sache mit jenem Jeschúa oder seinetwegen auch Jesus. Habe man ihn nun gesehen oder nicht? Bei einer Weigerung zu antworten werde er sie alle mitnehmen; sie seien der Verschwörung verdächtig.

   Thomas meldet sich zu Wort.

   Das sei absolut nicht nötig. Er sei jetzt erst kürzlich dabei gewesen, als Jesus in die Mitte der Jünger getreten sei. Bei geschlossenen Türen. Da gebe es weder einen Geheimgang noch eine Falltür oder sonst irgendein Geheimnis. Das Haus sei ja noch nicht einmal unterkellert. Er wisse jetzt, was seine Freunde gemeint hatten. Jesus sei gestorben, und es gebe keinen Anlass, einen weiterbestehenden Aufruhr seitens der Staatsmacht zu argwöhnen. Die Art und Weise, wie Jesus unter ihnen lebe, sei von völlig anderer Art als der eines wieder aufgelebten Leichnams. Jesus sei in einer besonderen Weise nicht mehr Teil dieser Welt. Jesus habe ihm, Thomas, sogar angeboten, dass er ihn berühren könne. Aber er habe in diesem Augenblick gewusst, dass es darum überhaupt nicht mehr gehe. Er habe nur noch sagen können: »Mein Herr und mein Gott!«

   Der Inspector nickt verstehend. Jetzt wird ihm einiges klar: Er hat es hier mit Spinnern zu tun und eigentlich noch etwas anderes vor. Falls dieser Jesus tatsächlich überlebt haben sollte, hat er bestimmt für den Rest seiner Tage die Nase voll von Dingen, die Rom aufregen könnten.

   Er schweigt und denkt nach. Im Haus hört man die Öllämpchen flackern, so still wird es.

   Auferstandene – Wiedererscheinende – Untote – all dieser wirre Kram: Sowas kann ja nur in diesem verqueren Landstrich entstehen. Er sehnt sich nach Rom zurück. Nach der klaren Luft Italiens.

   Dann klappt er sein Notizbrett zusammen. »Macht, was ihr wollt. Aber ich will nichts mehr hören von einem König der Juden und all diesem anderen Zeug. Für meine Mühe nehme ich einen Krug Olivenöl mit.«