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Johannes 6, 47 – 51

Brot des Lebens und realer Hunger

Bei den Ausflügen in den warmen Monaten fahren wir gern die Täler der Mittelgebirge hinauf, an den Ufern der Bäche entlang. Möglicherweise fällt uns etwas auf: In den Dörfern, durch die wir kommen, gibt es unter den älteren Häusern einige besonders prächtige. Sie stehen direkt am Bach. Die ehemaligen Wassermühlen.

   Es gab früher viele Mühlen: Windmühlen und Wassermühlen. Auf das Handwerk des Müllers war man stolz. Müller waren reiche Leute. Sie hatten die größten Häuser im Ort. Die Bauern mühten sich draußen auf den Feldern ab, ungeschützt vor Wind und Wetter. Der Müller jedoch mahlte im Mühlhaus.

   Die Bauernfamilien arbeiteten hart für ihr Korn. Um dafür Mehl zum Brotbacken zu bekommen, musste die Ernte zur Mühle gebracht werden.

   Nun begann eine Handelskette. Die Müller behielten einen Teil des Mehles als Lohn und gaben den anderen Teil den Bauern zu deren Eigenverbrauch oder den Bäckern. Ein Großteil des Mehls musste in die Stadt gelangen, wo es keine Kornfelder gab. Es begann der Handel mit den Bäckern und den transportierenden Kaufleuten.

   Wo Handel getrieben wird, entsteht eine Handelsspanne. Das ist die Spanne zwischen den Kosten einer Sache, wenn man sie kauft, zum Erlös beim Verkauf. Dieser Unterschied behält der Handelsmann. Davon lebt er.

   Die Handelsspanne eröffnet Möglichkeiten, etwas herauszuwirtschaften. Dass die Mühlen früher zu den größten Häusern im Ort zählten, war kein Zufall. Mit Mehl und Brot wurde Handel getrieben und über die Märkte in den Städten Geld verdient. Der Stadt ginges gut. Dort lebten reiche Handwerker mit ihren Zünften. Dies geschah nicht selten, vielleicht sogar oft (wenn nicht immer) auf Kosten des Landes.

   Der Unterschied von Stadt und Land hat sich heute über die gesamte Erde ausgebreitet. Bei uns, zwischen Meer und Alpen, ist ein einziges Stück Stadt entstanden, ein Autobahn-Großdorf sozusagen, eine einzige Stadt, dazwischen Umland und Speckgürtel.

   Das Land heute ist der früher „Dritte Welt“ betitelte Bereich, vor allem der Süden der Erdkugel. Afrika ist Land. Teile Südamerikas sind Land.

   Europa aber ist Stadt. Nordamerika ist Stadt. Die Stadt, das sind jene Regionen der Erde geworden, die die restliche Erde regieren. „Stadt und Land“ heißt heute „Nord und Süd“ oder „Industrieland und Entwicklungsland“.

   Und die Kaufleute handeln nach wie vor mit Brot. Nur nicht mehr real, sondern an der Börse. Das Seltsame ist, dass bei all dem Handel und Wandel die eine Gruppe derer, die die Waren miteinander austauschen, arm ist, die andere dagegen aber reich. Warum haben die einen viel und die anderen wenig?

   Die Antwort: Mit dem Brot, mit Lebensmitteln wird Schindluder getrieben. Denn Brot gibt es zwar genug in den reichen Industrieländern, aber es gibt immer noch nicht genug Flachbildfernseher. Oder Autos. Oder Smartphones. Noch nicht genug Luxus. Um sich das zu verschaffen, handelt die reiche Welt mit der armen Welt um teures Brot, damit eine Handelsspanne entsteht.

   Wie das geht? Man baut beispielsweis draußen auf dem Land, weit vor der Stadt – das heißt heute: in den sogenannten Entwicklungsländern – auf riesigen Flächen Kaffee an, der nach Europa transportiert wird. Diese Fläche fehlt dem Land für den Getreideanbau. Also beschafft man das Brot für diese Länder von woanders her. Dabei entsteht eine Handelsspanne.

   Bei all den zum Teil hohen Inflationsraten vergangener Jahrzehnte ist der Preis für Kaffee während dieser Zeit nur unwesentlich gestiegen. Früher war „Bohnenkaffee“, wie man sagte, ein Luxusartikel, oft genug halb vermischt mit Kaffee-Ersatz, um ihn zu strecken, zumindest werktags. Oder es gab ihn werktags erst gar nicht. Nach heutigen Preisen gerechnet, müsste der Kaffee eigentlich mindestens dreimal so teuer sein.

   Statt Kaffee-Ersatz trinken wir entkoffeinierten Bohnenkaffee, und das ist eigentlich ein Wahnsinn: Wozu dafür die Bohnen anbauen und Land verbrauchen, das für Brot gebraucht wird? Die Industrie ist längst in der Lage, einen schmackhaften Ersatzkaffee anzubieten, der nicht der Kaffebohne entstammt.

   Aber wo bliebe dann die Handelsspanne?

   Irgendwer muss dafür bezahlen. Solange auf der einen Seite des Globus Hunger herrscht und auf der anderen Seite Überfluss, geht es ungerecht zu auf der Welt. Wo Handel und Wandel blühen, blüht auch Ungleichheit. Gibt es Handelsspannen. Gibt es Warentermingeschäfte, Hedgefonds und Bankenspekulationen.

   Jemand hat einmal ausgerechnet, dass einer jener Manager ganz oben, wenn er 365 Tage im Jahr 24 Stunden arbeiten würde, pro Stunde 2000 Euro in der Stunde verdienen würde. Das tut er natürlich nicht; auch er muss schlafen. Ich rechne also genauer: Solche Leute machen keinen oder selten Urlaub und haben oft einen Arbeitstag von 16 Stunden. Das macht dann 3000 Euro pro Stunde. Abzüglich Steuern. Hoffentlich.

   Die Marktwirtschaft garantiert heute zwar einen sehr hohen Wohlstand für Wenige, einen immerhin noch guten Wohlstand für relativ Viele, zumal in Europa, Japan, Nordamerika und inzwischen auch China, aber eben nicht für die ganze Welt, denn dies geschieht auf Kosten anderer, ärmerer und ärmster Regionen auf der Erde.

   Die Welt braucht Brot. Im Predigttext erzählt Jesus den Umstehenden von den wunderbaren Begebenheiten, als das Volk Israel in der Wüste war. Als Brot vom Himmel fiel. Er gibt zu bedenken: Dies hat letzten Endes nicht grundsätzlich die Situation geändert.

   „Eure Väter sind gestorben“, sagt Jesus. Er meint das ganz handgreiflich, bezogen auf den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten: Nur wenige derer, die hinter Mose hergezogen waren, erreichten das Gelobte Land. Eine ganze Generation war in der Wüste geblieben, und erst die Kinder und Enkel sahen die versprochene Erde. Sogar Mose selbst durfte nicht mehr ins verheißene Land ziehen.

   Wenn aber sogar das Brot, das vom Himmel fällt, nicht weiterhilft, welches Brot gibt uns dann überhaupt das Leben? Denken wir an das Abendmahl, ans Brotbrechen. Ans Teilen, das gefeiert wird in Erinnerung an Jesus, der es gestiftet hat. Wenn Jesus sagte, dass er das Brot des Lebens sei, dann bedeutet das, dass aus seiner Tischgemeinschaft niemand ausgeschlossen bleiben soll. Konsequent zuende gedacht, heißt das, dass niemand Hunger leiden soll, nämlich wirklichen, spürbaren Hunger aus Mangel an wirklichem, sättigendem Brot.

   In vielen, vor allem reformierten, Gemeinden werden zum Abendmahl richtige Brotstücke genommen. Das ist sinnfällig. Denn man kann das Brot so oder so teilen. Wenn man ein kleines Brotstück abreißt und hergibt, den Brotlaib aber für sich selbst behält, dann handelt man nicht, wie Gott es erwartet und Jesus es gezeigt hat. Die Brotstücke auf dem Teller im Abendmahl aber sind gleich groß.

   Es gibt keine Ausrede für die, die den großen Laib behalten, weil er angeblich aus diesen oder jenen Gründen nicht zu den Hungernden gelangen kann.Ich bin das Brot des Lebens“ – das ist der große Einspruch gegen die Ungerechtigkeit auf der Welt, gegen jene Ungerechtigkeit, welche die einen satt, gar übersatt macht und die anderen hungern lässt. Hier und heute. Brot des Lebens ist Leben für alle ohne Unterschied.

   Es klingt vielleicht kurz geschlossen, den Leib Christi, die Kirche also, und das gemeinsam geteilte Brot, direkt gleichzusetzen mit den realen Brotbedürfnissen auf der Welt. Aber das Brot des Abendmahls ist das Symbol der Verbindung und der Erinnerung an die Zusage Gottes, dass allen Menschen Gerechtigkeit widerfahren soll. Christinnen und Christen können nicht in ihrem Privatbereich bleiben. Christsein bedeutet, in die Öffentlichkeit der Menschheit hineinzugehen. In ihre realen Nöte, ihren Hunger.

   Als Jesus mit den Jüngern das letzte Abendmahl feierte, damit sie sich späterhin zu seinem Gedächtnis immer wieder um seinen Tisch versammeln sollten, lud er nicht nur die Zwölf, sondern alle Menschen ein. Es sind auch die geladen, die Hunger haben, richtigen, fühlbaren Hunger. Das Brot, das allen gilt, ebnet die Unterschiede ein zwischen Nord und Süd, Arm und Reich. Im gemeinsamen Brotbrechen steckt eine politische Botschaft.